Ich glaube Hannah Arendt würde die AfD mit politischen Mitteln bekämpfen. Noch nicht mit einem Verbot, sondern einfach damit, dass die Dinge, die sich da artikulierten, ernst genommen worden wären.
Wenn es etwas gibt, was Extreme – zunächst einmal links wie rechts – auszunutzen wissen, dann ist es das Gefühl der Hilflosigkeit anderer. Dafür gibt es in den Extremen ein immenses Gespür.
Man weiß, dass sich solche Hilflosigkeiten eben nicht artikulieren, sondern, dass Menschen sich aus den Öffentlichkeiten zurückziehen. Die haben sehr schnell den Eindruck, dass sie in der Öffentlichkeit nicht gehört werden. Den Eindruck sage ich ganz bewusst.
Hier ist unglaublich viel versäumt worden, und das ist ja inzwischen auch soziologisch und empirisch aufgearbeitet. Das ist der erste Schritt.
Verständnis ist kein politisches Handeln.
Der zweite Schritt ist: Diese sogenannte Professorenpartei, die sich da mit Euroskepsis erst einmal breitgemacht hat, hat von Anfang an einen ganz speziellen Ton in die Debatten getragen. Das Extreme wurde nicht als extrem bezeichnet, sondern man hatte plötzlich Verständnis dafür.
Aber Verständnis ist kein politisches Handeln. Ich habe kein Verständnis dafür.
Sie sagen, Sie haben kein Verständnis – Hannah Arendt hätte wahrscheinlich dennoch verstehen wollen.
Ja, genau. Ich will es auch weiterhin verstehen, denn es ist ja nichts entschieden.
Wenn man Hannah Arendt darauf anwenden will, müsste man zum Beispiel mit ihrem Werk „Wahrheit und Politik“ arbeiten. Das behandelt das Phänomen der Lüge. Dass man Tatsachen, sogenannte Tatsachenwahrheiten (Wahrheiten, die sich auf Ereignisse oder Zustände in der realen Welt beziehen und überprüfbar sind), die ja seit Leibniz von sogenannten Vernunftwahrheiten (Wahrheiten, die ausschließlich aus Denken, Logik oder Mathematik folgen) unterschieden werden, nicht mehr als Tatsachen anerkennt.
Die Tatsache, dass wir es hier mit einer Partei zu tun haben, die hochvirtuos, mit den neuesten Technologien, intellektuell durchaus aufgerüstet und insofern auch auf Augenhöhe agierend mit konservativen, liberalen und linken Intellektuellen, sich einen Raum geschaffen hat, in dem sie in der Lage ist, Tatsachenverdrehungen vorzunehmen, die dann auch von Medien, die sich als kritische Medien verstehen, aufgenommen werden – das ist ein Skandal.
Aber was tun? Hannah Arendt würde wahrscheinlich auf die Schwierigkeit kommen, dass sich das Faktenfundament, auf das sich Menschen beziehen, wenn sie nachdenken und argumentieren, so sehr unterscheidet.
Ja, aber wieso denn? Der französische Politiker Georges Clemenceau wurde Ende der 20er Jahre gefragt, wie man denn künftig über den Ersten Weltkrieg sprechen würde. Wer ihn verursacht hat, war schon damals ein Riesenthema.
Und dann hat Clemenceau geantwortet: „Nun, man wird auch in Zukunft nicht sagen, dass Belgien Deutschland überfallen hat.“ Das ist eine Tatsache, eine Tatsachenwahrheit. Es gibt keine unterschiedlichen Tatsachen, es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen von Tatsachen.
Vielleicht begründen wir die Tatsachen nicht gut genug. Da muss ich ganz massiv widersprechen. Ich habe dafür kein Verständnis.
Dass Sie dafür kein Verständnis haben, ändert aber nichts an der Tatsache, dass viele Menschen sich auf diese ihre Wahrnehmung, ihre sogenannten alternativen Fakten und Quellen beziehen.
Ja, das ist richtig.
Und das ist ein großes Problem, wenn es darum geht, nachzudenken und zu urteilen über das, was auf der Welt passiert.
Genau. Deshalb ist so etwas wie eine Öffentlichkeit auch so wichtig. Es ist fatal, wie der Selbstrückbau demokratischer Institutionen bis weit in konservative und in vermeintlich linke Kreise fortgeschritten ist.
Herr Meyer, zum Schluss von Interviews wird oft die Frage gestellt: Was macht Ihnen Hoffnung? Bei Hannah Arendt ist so etwas wie Hoffnung nicht nur ein Gefühl, sondern eine Offenheit gegenüber der Zukunft, die theoretisch fundiert ist. Sie bezieht sich immer wieder auf den Satz von Augustinus: „Damit ein Anfang sei, wurde ein Mensch geschaffen.“ Können Sie diesen Satz noch kurz erklären, um uns nicht ganz so betrübt aus diesem Gespräch zu lassen?
Klar. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt das dann in der deutschen Romantik, und das ist auch so. Hannah Arendt war von einem unendlichen Zutrauen in die Spezies namens Mensch beseelt und strahlte das auch aus. Sie war immer optimistisch in dem Sinne, dass es Potenziale im Menschen gibt, die man sozusagen nur theoretisch und praktisch sichtbar machen muss, um die Menschen menschlich sein zu lassen.
Das heißt, dadurch, dass immer neue Menschen geboren werden, gibt es auch immer wieder ganz ernsthaft die Chance, dass die Menschen Neues schaffen, neue Wege einschlagen. Und sie ist das Gegenteil von jemandem, der denkt, Geschichte sei vorbestimmt, alles sei linear und verlaufe nur in eine Richtung.
Sie meint es tatsächlich ernst, ja. Der Anfang, der geschaffen wird mit jedem neuen Menschen, sollte als Unterbrechung der normalen Abläufe ernst genommen werden. Da geschieht sozusagen, wie sie selbst sagt, ein Wunder, und dieses Wunder perpetuiert sich. Und wir haben die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass jedes einzelne Wunder die Chance hat, eines zu bleiben.